Lebensgemeinschaften für Menschen
mit und ohne geistige Behinderungen

Gilberta Dietl war als Sommerhelferin in den Archen Trosly/Frankreich und Landsberg/Bayern

Einfach sein dürfen, wie ich bin, ist das größte Geschenk, das mir die Arche gemacht hat

Gilberta Dietl lernte die Arche 2006 durch ein Zitat auf einem Kleiderschrank und über das Zusammentreffen mit einer Assistentin auf einer Parkbank in Rumänien kennen. Im Folgenden berichtet sie, wie sie gemeinsame Mahlzeiten in der Arche Trosly als Vorahnung des Himmelreiches erlebte und wie sie die einfache Bitte um ein Glas Wasser zu Tränen rührte.

 

Das Zitat am Schrank

Mein Weg in die Arche nahm im Sommer 2006 seinen Anfang beim Zusammensitzen auf einer Parkbank in einer Universitätsstadt im Osten Rumäniens. Neben mir auf der Bank saß meine damalige Mitbewohnerin Maria, die an ihrem Kleiderschrank ein Zitat von Arche-Gründer Jean Vanier aufgehängt hatte: „Jemanden zu lieben heißt, ihm seine Schönheit zu zeigen.“ Und dann saß auf dieser Bank noch Alina, die mir Maria an jenem Tag vorstellte. Alina lebte in Südfrankreich in einer Arche-Gemeinschaft und erzählte mir von einer Welt, nach der ich schon so lange Sehnsucht hatte. Ich habe sofort gespürt: Da will ich unbedingt hin.

Für den Sommer 2006 hatte ich eigentlich geplant, in Wien in einem Café zu kellnern. Aber was Alina erzählte, passte mehr zu mir, als nur Geld zu verdienen. Ein paar Wochen nach diesem Treffen war ich schon in der Arche Trosly angekommen, um in der dortigen Gemeinschaft als Sommerhelferin mitzuleben. Warum gerade Trosly? Ganz einfach, weil ich Germanistik und Romanistik studiert habe und dort auch mein Französisch verbessern wollte.

 

Nichts beweisen müssen

La petite source (die kleine Quelle) hieß mein Foyer und dort habe ich die bisher intensivste Zeit meines Lebens verbracht. Ich musste niemandem beweisen, dass ich intelligent bin, dass ich was kann, dass es sich lohnt, mit mir ins Gespräch zu kommen, so wie es an der Uni war. Nein, ich durfte so sein, wie ich bin. Und dieses Gefühl der inneren Freiheit und des einfachen Seins, ohne sich von außen bedingen zu lassen, ist das größte Geschenk, das mir die Arche gemacht hat.

Die Mahlzeiten in der Gemeinschaft, wo 15 Menschen mit und ohne Behinderungen zusammen am Tisch saßen, waren für mich eine Vorahnung des Himmelreichs. Ich habe mir damals gesagt: So muss es im Himmel sein. Es gibt hier keine Grenzen mehr. Wir sind alle gleich. Und wir brauchen einander. Ich brauche die Bewohner, weil ich mich dank ihrer Zuwendung schön und gut fühle, und sie brauchen mich beim Baden oder beim Essen zubereiten.

In diesen drei Monaten in Trosly habe ich mich selbst als wertvoll entdeckt. Bis dahin war ich nur eine durchschnittliche Studentin und gute Freundin gewesen, stets mit dem Hintergedanken, dass ich immer etwas leisten muss.

Schwierig in Trosly war die Erschöpfung. Es gab sehr wenig Zeit und Raum für sich selbst. Nur ein einziges Wochenende im Monat war frei. Alle wussten alles über die anderen, eben wie in einer Familie.

 

Jean-Claudes Vertrauen

Eines meiner tiefsten Erlebnisse in der Arche ereignete sich in der Küche mit Jean-Claude. Diane, meine Hausleiterin, hatte erzählt, dass Jean-Claude nur mit den Assistenten redet, die er schon länger kennt. Ich solle nicht beleidigt sein, wenn er nicht auf mich reagiere.

Jean-Claude saß im Rollstuhl und war sehr krank. Während die anderen Bewohner in den Werkstätten arbeiteten, blieb er allein zuhause. Er saß bei mir in der Küche und schaute sich Bücher an. Auf einmal sagte er: J’ai soif. Ich habe Durst. Was dieser Satz in mir auslöste, ist unbeschreiblich. Mir kamen viele Tränen, als ob ich irgendwas gewonnen hätte… Und ich hatte tatsächlich etwas gewonnen. Es war das Vertrauen von Jean-Claude.

 

In Landsberg am Lech

2007 war ich wieder als Sommerhelferin in einer Arche im Einsatz – dieses Mal in Landsberg am Lech. Sowohl in Trosly als auch in Landsberg habe ich gehört, wie andere Assistent/-innen Ähnliches erlebt haben wie ich: Dieses Gefühl, sich bedingungslos geliebt zu fühlen, verbindet uns alle, die wir eine Arche-Erfahrung gemacht haben. Das nimmt uns auch keiner weg, auch nicht der Missbrauchs-Skandals um Jean Vanier.

Heute bin ich mit dem ehemaligen Gemeinschaftsleiter der Arche Landsberg, Markus Dietl, verheiratet. Wir leben in Landsberg mit unseren drei kleinen Kindern. Wir treffen regelmäßig ein paar Bewohner/-innen der hiesigen Arche-Gemeinschaft zum Frühstück. Sobald die Kinder größer sind, werden wir uns mehr in die Gemeinschaft einbringen können.

Das Leben in der Arche hat mich zu einem besseren Menschen gemacht und ich kann eine solche Arche-Erfahrung nur empfehlen. Sie bereichert das Leben.

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