Lebensgemeinschaften für Menschen
mit und ohne geistige Behinderungen

Arche-Typen: Zoé Velásquez Vélez war in den Archen Aigrefoin, Trosly und Landsberg

Jeder Mensch ist eine heilige Geschichte

Unmittelbar vor Antritt ihres Studiums im Jahr 2003 kam Zoé Velásquez Vélez zum ersten Mal in Kontakt mit der Arche. Seitdem hat sie über viele Jahre und an verschiedenen Orten die Gemeinschaft erlebt und begleitet – und die Gemeinschaft sie. Zoé berichtet in ihrem Beitrag von besonderen Alltagsmomenten, Glaubenserfahrungen und vom Tanzen im Keller. Zudem empfiehlt sie ihr Lieblingsbuch von Jean Vanier.

 

Im Juli 2003, vor Beginn meines Studiums, verbrachte ich zum ersten Mal einen Monat in der Arche Aigrefoin in Frankreich. Diese erste Begegnung mit Menschen mit geistiger Behinderung hat mich sehr geprägt. Ein Satz von Jean Vanier wurde mein ständiger Begleiter: „Chaque personne est une histoire sacrée“ („Jeder Mensch ist eine heilige Geschichte“).

 

Semesterferien in Trosly

Zwei Jahre später lernte ich in meinen Semesterferien (März/April 2005) das Foyer der Forestrière in Trosly (Frankreich) kennen. Die Bewohner dieses Hauses haben alle sowohl geistige als auch körperliche Behinderungen. So groß ihre Schwäche im ersten Augenblick erscheinen mag, so intensiv vermitteln sie einem die Fülle und Tiefe des Lebens.

Auch für meinen Glauben war dieser Monat sehr prägend. Als ich in der Arche ankam lag überall Schnee, es war zu Beginn der Fastenzeit. Ich verließ die Arche nach Ostern, alle Bäume blühten. Mit allen Sinnen hatte ich zum ersten Mal die Freude der Auferstehung so stark spüren können. Durch seine unendlich große Liebe konnte Gott das Kreuz in Auferstehung verwandeln.

Und diese unendlich große Liebe zeigten mir die Bewohner. Eine von ihnen wurde Mamie (übersetzt Omi) genannt, weil sie schon etwas älter und bettlägerig war. Zudem war sie taubstumm. Während ich sie pflegte, strich Mamie mir mit ihren feinen Fingerchen ganz sanft über das Gesicht. Jorge freute sich jeden Tag, den Gottesdienst zu besuchen. Beim Friedensgruß strahlte er über das ganze Gesicht und zuckte voller Freude in seinem Rollstuhl. Loïc liebte es, wenn man ihm auf einem Musikinstrument etwas vorspielte oder ein Lied vorsang. Dann wurde er ganz ruhig und sagte „lalala“. Das waren alles sehr besondere Momente.

 

Sabbatzeit in Landsberg

Nach Ende meines Medizinstudiums in München und zwei anstrengenden Jahren Berufserfahrung entschied ich mich für eine sechsmonatige Sabbatzeit (September 2012 bis März 2013) in der Arche in Landsberg. Die Bewohner in Landsberg sind sehr selbständig und es war mit ihnen eine entspannte Zeit. Ich genoss die Gemeinschaft, die gemeinsamen Mahlzeiten, Feste, Gebete, Spaziergänge. Ganz besonders schön war Weihnachten, die Karwoche mit der Fußwaschung und die vielen schönen Hausgottesdienste.

Auch machte in der Arche alles Mögliche Spaß, was ich sonst üblicherweise nicht unternahm: mit Linde einen Telefonstreich machen; am unsinnigen Donnerstag zogen wir mit Stefan verkleidet in die Stadt; einmal im Monat gingen wir donnerstags gemeinsam in die Disco nach Holzhausen. Ich liebte es, Stephan – während er musizierte – im Keller zu besuchen und zu seiner Musik zu tanzen. . .

 

Heute: assoziiertes Mitglied

Im Anschluss an dieser wohltuenden Zeit konnte ich noch weitere neun Monate in der Arche wohnen und am Gemeinschaftsleben teilnehmen, während ich wieder im Krankenhaus arbeitete. Auch diese Kombination war für mich sehr bereichernd. Als ich aus der Arbeit zurückkam, genoss ich das Beisammensein, Singen, Tanzen, Feiern.

Als ich mich entschloss, mit meinem Freund zusammenzuziehen, fiel es mir schwer, die Arche zu verlassen. Als assoziiertes Mitglied habe ich aber das Glück, mich bis heute noch eng mit der Gemeinschaft verbunden zu fühlen!

 

„Auf das Ziel Reich Gottes schauen, alles andere kommt von selbst!“

Ich schätze an der Arche besonders, dass sie eine offene, tolerante und weltweite Gemeinschaft ist. Sie stellt sich immer wieder in Frage und passt sich den verschiedenen Kulturen und Religionen in diversen Ländern an. In der Arche wird jeder in seiner Einzigartigkeit geschätzt. Wir lernen unseren Nächsten und uns selbst anzunehmen so wie wir sind, mit unserer Zerbrechlichkeit, unseren Fähigkeiten und Begrenzungen.

Natürlich ist das Leben in Gemeinschaft nicht jeden Tag einfach, doch es ist eine Hilfe, sich als Teil einer großen Familie zu fühlen und ein gleiches Ideal zu teilen. Jean Vanier reden zu hören und von ihm zu lesen gibt mir auch heute immer wieder neue Kraft. Besonders berührt hat mich sein Buch „Weites Herz“, welches ich sehr empfehle.

Wenn ich traurig oder besorgt bin, begleiten mich auch Worte oder Zitate einiger Bewohner. So auch dieser Satz, den mir Sebastian aufgeschrieben hat und der bei mir an der Wand hängt: „Auf das Ziel Reich Gottes schauen, alles andere kommt von selbst!“

 

Liebe weiterschenken

Ich habe nun eine wunderbare kleine Tochter. Ich hoffe, ich kann ihr die Liebe, die ich erfahren durfte, weiterschenken – diese Gewissheit, dass wir alle Gottes geliebte Kinder sind, mit all unseren Fähigkeiten und Begrenzungen. Dabei bleibt die Arche für mich ein Wegbegleiter.

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