Lebensgemeinschaften für Menschen
mit und ohne geistige Behinderungen

Judith Biermann lebte in der Arche La Merci in Courbillac/Frankreich

Liebe verdoppelt sich, wenn man sie teilt

Judith Biermann lebte nach Ende ihrer Schulzeit für ein Jahr in der Arche La Merci im Südwesten Frankreichs. In ihrem Beitrag beschreibt sie, wie sie während des dortigen Freiwilligendienstes Stück für Stück ihre Berührungsängste überwinden und viel lernen konnte – über das menschliche Miteinander, aber vor allem über sich selbst.

 

Anfängliche Vorbehalte

Nach meinem Abitur im Jahr 2012 wollte ich gerne für ein Jahr in Frankreich leben. Diesen Traum hatte ich schon, seitdem ich denken konnte, und somit begann die Recherche. Als ich dabei auf die Arche traf, waren meine ersten Gedanken: „Nee, Menschen mit Behinderung, das kann ich nicht.“ „Das ist nichts für mich.“ „Zusammen leben und nie von der Arbeit nach Hause kommen, das möchte ich nicht.“ Dass ich letzten Endes doch in einer Arche landen sollte, und dass dieser Freiwilligendienst das beeindruckendste Jahr meines bisherigen Lebens werden sollte, konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht erahnen.

Ich ließ mich zwar zunehmend auf den Gedanken ein, mein Freiwilliges Soziales Jahr mit Menschen mit geistiger Behinderung zu verbringen. Das unwohle Gefühl im Magen blieb jedoch zunächst. „Ob ich das wirklich kann…? Ich wollte doch viel lieber mit Kindern arbeiten…“ Aber als ich dann vor der Tür meines Foyers stand, meines neuen Zuhauses, und als mir eine der „Personen“ (französisch: „Personnes acceuilli“, kurz „Personnes“, das sind die Bewohner mit geistiger Behinderung) diese Tür öffnete, verflog die Angst – und sie kehrte nie wieder zurück.

 

Autonomie und Respekt

Ich wohnte zusammen mit acht bis neun Menschen mit den unterschiedlichsten geistigen Behinderungen zusammen. Drei von ihnen brauchten Hilfe beim Duschen und der Körperpflege. Außer mir gab es noch zwei weitere Freiwillige sowie eine Festangestellte (im Französischen „Salarié“ genannt), die ebenfalls im Foyer lebte. Hinzu kam eine „Responsable“, die Verantwortliche für das Haus. Sie hatte eine normale 35-Stunden-Woche, kam morgens und ging abends wieder. So arbeiteten wir Hand in Hand für das Wohlergehen der „Personen“. Jeden Morgen wurde mir aufs Neue bewusst, wie sinnvoll meine Arbeit ist.

Es ging vor allem darum, mit den Bewohnerinnen und Bewohnern zusammen den Alltag zu bestehen und ihnen zu helfen, wenn sie Hilfe benötigten – es aber mit ihnen zusammen zu tun und niemals für sie. Es geht bei der Arche um Autonomie und um Respekt. In manchen Situationen vergaß ich sogar, dass diese Menschen eine geistige Behinderung hatten. Sie wurden meine Freunde.

 

Enge Freundschaften, die bis heute halten

Es war nicht immer einfach, 21 Stunden am Tag zu arbeiten, wie es in Frankreich praktiziert wird. Die Freiwilligen dort haben meist drei freie Stunden am Tag, den Rest sind sie voll und ganz für die Bewohnerinnen und Bewohner da. Auch die Nächte, die wir im Dienst waren, mussten wir im Foyer verbringen, um bei eventuellen Problemen in der Nacht helfen zu können. Allerdings schulte gerade diese Belastung meine Kommunikation mit den Kollegen. Wir hielten sehr fest zusammen und haben enge Freundschaften aufgebaut, die bis heute halten. So hat eine der Kolleginnen während des Freiwilligendienstes ihren Freund kennen gelernt, und drei Jahre später war ich Trauzeugin auf ihrer Hochzeit. Zwei weitere Jahre später durfte ich ihren neu geborenen Sohn auf der Welt begrüßen. Auch mein Foyer und die anderen Kolleginnen besuche ich noch regelmäßig.

 

Was ich mitgenommen habe

Ich habe gelernt, auch mal „Nein“ zu sagen und mir nicht auf der Nase herumtanzen zu lassen. Ich habe gelernt, auf meinen Körper zu hören

 

 

 

und Pausen einzufordern. Ich habe gelernt, zuzuhören und hinzusehen.

Ich habe eine neue Dimension von Geduld kennengelernt. Ich habe gelernt, dass auch Menschen mit geistiger Behinderung mal einen schlechten Tag haben und man sich vielleicht auch nicht mit allen gut versteht – klar, wir sind schließlich alle nur Menschen.

Ich habe das Wort Freundschaft neu definiert. Ich habe geholfen und gelernt, mir helfen zu lassen. Ich habe gelernt, dass das, was ich bin und was ich an Charakter und Eigenschaften besitze, wertvoll ist – und es wert ist, geteilt zu werden.

Ich habe die kleinen Dinge im Leben wertgeschätzt und mich mit den „Personen“ zusammen an ihnen erfreut. Ich habe Freude gelernt – pure, echte Freude. Und das Wichtigste und Größte, was ich gelernt habe: Dass man teilen und geben kann, ohne jemals selbst etwas zu verlieren. Ich habe gelernt, dass Liebe sich verdoppelt, wenn man sie teilt – und dass mir diese Erkenntnis bis heute unglaubliche und unvorstellbare Kräfte verleiht.

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